Ein Plädoyer für Aufrichtigkeit

Wie Aufrichtigkeit unsere Gesellschaft verändern kann

Aufrichtigkeit ist ein wunderbares Wort und eine wunderbare Eigenschaft:

Aufrichtigkeit richtet auf, uns selbst und andere.

Schon allein mir die direkte Bedeutung des Begriffes bewusst zu machen, richtet mich auf und stärkt mich. Aufrichtig sein hat für mich etwas zu tun mit wahrhaftig sein, geradlinig sein, offen sein, echt sein, mich zeigen, ich selbst sein, integer sein.

Eigentlich ist Aufrichtigkeit - also sich im Kontakt mit anderen aufrichtig zu zeigen und sich nicht zu verstellen - eine natürliche Eigenschaft unseres wahren Wesens. So kommen wir alle auf die Welt: unverstellt und durch und durch aufrichtig.

Wir alle kennen auch die Erfahrung, wie wahre Aufrichtigkeit eine sehr kraftvolle Veränderung in unserem Miteinander bewirken kann. Wir erleben durch sie Momente größter Verbundenheit. Menschen, die aufrichtig miteinander umgehen, richten sich im wahrsten Sinne des Wortes gegenseitig auf. Das setzt eine Aufwärtsspirale in Gang: Aufrichtiges Verhalten in einer Begegnung oder in einer Gruppe von Menschen schafft Vertrauen und erzeugt so immer mehr Aufrichtigkeit.

Genauso funktioniert es jedoch auch in der entgegengesetzten Richtung: Unaufrichtigkeit führt zu gegenseitigem Misstrauen und erzeugt so immer mehr Unaufrichtigkeit.

Leider hat wahre Aufrichtigkeit in unserer Gesellschaft nicht gerade einen leichten Stand. Aufrichtig Sein geht auch einher mit Unverblümtheit, Direktheit und Ehrlichkeit. Wir befürchten, wenn wir z.B. anderen eine unbequeme Wahrheit mitteilen, dann verletzend zu sein oder für egoistisch gehalten zu werden. Wir denken, Aufrichtigkeit sei nicht freundlich oder gütig.

In anderen Zusammenhängen, z.B. in Verhandlungen oder Konflikten, denken wir auch, dass Aufrichtigkeit dumm ist oder gefährlich, dass wir uns damit selbst schwächen und in eine schlechte Position bringen. Oder wir befürchten, wenn wir z.B. aufrichtig nein zu etwas sagen, dann unzuverlässig oder nicht loyal zu sein und unsere Mitmenschen im Stich zu lassen.

Was Aufrichtigkeit nicht ist

Um uns mit den Überzeugungen und Ängsten befassen zu können, die wir in Bezug auf das Aufrichtig Sein haben, müssen wir erstmal verstehen, was mit Aufrichtigkeit nicht gemeint ist:

Viele Menschen denken, aufrichtig sein würde bedeuten, den eigenen Ärger rauszulassen. Doch unseren Gefühlen und Emotionen einfach mal Luft machen, indem wir uns über andere aufregen, sie angreifen, ihnen Vorwürfe machen oder indem wir einen Streit anzetteln hat nichts mit Aufrichtigkeit zu tun. Wenn wir einfach nur Dampf ablassen, agieren wir Emotionen blind aus und laden sie auf unseren Mitmenschen ab. Wir richten uns dabei weder selbst auf noch richten wir andere auf.

Aufrichtigkeit beinhaltet also auf jeden Fall schonmal die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Denken, Fühlen und Handeln zu übernehmen und gleichzeitig anderen ebenfalls ihre Selbstverantwortung zuzugestehen.

Was Aufrichtigkeit ist

Die Aufrichtigkeit als solche ist nicht leicht zu fassen. Sie ist keine Verhaltensweise, die wir uns antrainieren können und die wir dann bei Bedarf abrufen. Sie ist mehr ein Seinszustand oder eine Wesensart, die wir uns wieder erschließen können und die unsere Persönlichkeit, unseren Blick auf die Welt und unser Handeln dann ganz grundlegend verwandelt.

Aufrichtigkeit ist auch keine Fähigkeit oder Kompetenz, die wir uns erarbeiten können und die dann ein für alle mal in unserem Besitz ist. Aufrichtigkeit kann einzig und allein auf den gegenwärtigen Moment bezogen sein und damit auf die Personen und die Umstände, mit denen wir gerade zu tun haben. Und so ist und bleibt Aufrichtigkeit zeitlebens eine neue Herausforderung.

Wie ich Aufrichtigkeit verstehe

Aufrichtigkeit besteht für mich darin, mir meiner eigenen Gedanken und meiner wahren Empfindungen im gegenwärtigen Moment bewusst zu sein, diese offen mitzuteilen und sie zur Grundlage für mein Handeln und für meine Entscheidungen zu machen.

Es geht also zum Einen um eine emotionale Aufrichtigkeit, mir selbst gegenüber und den Menschen gegenüber, mit denen ich zu tun habe. Emotionale Aufrichtigkeit bedeutet, weder Empfindungen vorzugeben, die ich nicht habe, noch Empfindungen zu verbergen oder zu verdrängen, die ich habe. Gleichzeitig meint Aufrichtigkeit aber auch ein geradliniges, eindeutiges und selbstverantwortliches Handeln, das sich aus den eigenen inneren Empfindungen des Augenblicks und den eigenen Werten speist.

Wo Menschen sich in Aufrichtigkeit begegnen, entsteht eine Verbundenheit und gegenseitige Wertschätzung, die frei ist von Abhängigkeiten. In solch einem Beziehungsklima werden Erfahrungen wie fruchtbare Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung, nährende Intimität, Entwicklung und Lernen oder kreative Konfliktlösungen erst möglich. Hier entstehen tragfähige, stabile Beziehungen, die für das Wachstum aller förderlich sind.

Wenn wir Zugang zu der in uns wohnenden Aufrichtigkeit haben, dann fällt es uns leicht, aus ganzem Herzen Ja zu sagen. Zu uns selbst, zu einem Projekt, zu einer Einladung, zu einer Herausforderung, zu einem anderen Menschen. Genauso sind wir aber auch in der Lage frei von Angst und klar und deutlich Nein zu sagen, wenn sich etwas für uns nicht richtig anfühlt oder es uns und unseren Werten und Bedürfnissen nicht oder nicht mehr entspricht.

Wir finden jederzeit in uns selbst die Antwort, was in einem bestimmten Augenblick für uns zu tun ist, was wir tun wollen und was wir nicht tun wollen. Und wir trauen uns auch danach zu handeln. Entsprechend leicht können wir auch die Jas und Neins anderer akzeptieren und ihre Entscheidungen respektieren.

Begegnungen in gegenseitiger Aufrichtigkeit, egal in welchem Zusammenhang, sind immer wieder aufs Neue verbindende und beglückende Erfahrungen, die den Zugang zu unserem wahren Wesen mehr und mehr freilegen.

Was der Aufrichtigkeit entgegen steht

Obwohl sich wahre Aufrichtigkeit so gut anfühlt und sie eigentlich unserem Wesen entspricht, ist die Unaufrichtigkeit in unserer Gesellschaft kein gelegentliches Phänomen sondern eher unser gewohnter Umgang miteinander. Wir verbergen unsere wahren Empfindungen die meiste Zeit hinter freundlichen Masken. Vor lauter Nett Sein haben wir schon fast vergessen, wie erfüllend und befreiend es ist, echt zu sein und einfach die Wahrheit zu sagen.

Obwohl sich mit der kollektiven Unaufrichtigkeit niemand wirklich wohl fühlt, trauen wir uns trotzdem nicht, etwas zu verändern, sondern wir bestätigen uns weiterhin gegenseitig in unseren verdrehten Verhaltensweisen. Verschiedene Ängste und Überzeugungen, die wir allesamt bereits in unserer Kindheit erlernt haben, hindern uns am Aufrichtig Sein. Hier ein paar Beispiele solcher Befürchtungen:

Wir möchten andere nicht verletzen, enttäuschen oder im Stich lassen.
Wir haben Angst, ausgeschlossen zu werden und nirgendswo mehr dazu zu gehören.
Wir vertrauen nicht auf unsere eigenen Empfindungen und auf unsere innere Wahrheit.
Wir möchten nicht egoistisch sein.
Wir haben Angst, abgelehnt, ausgelacht, kritisiert oder bestraft zu werden.
Wir glauben nicht daran, dass wir selbst die Kraft in uns tragen, etwas zu verändern.
Wir meinen Verpflichtungen erfüllen zu müssen und Verantwortung für andere tragen zu müssen.

All diese Überzeugungen, Ängste und Selbstzweifel verleiten uns zu emotionaler Unaufrichtigkeit. Wir meinen tatsächlich, unaufrichtig zu sein sei eine Tat der Liebe, der Verantwortung oder der Selbstlosigkeit. Wir glauben, dass wir uns damit selbst schützen, für unsere Sicherheit sorgen und dass wir von anderen dann mehr gemocht werden. Wir halten uns selbst und andere dann vielleicht sogar für bessere Menschen. Und wir meinen, dass wir anderen damit einen Gefallen tun oder sie durch unser unaufrichtiges Verhalten sogar unterstützen.

In Wahrheit tun wir mit Unaufrichtigkeit und mangelnder Integrität aber weder uns selbst noch anderen etwas Gutes. In keinem einzigen Fall. Auch wenn unser ängstliches, inneres Kind noch so sehr davon überzeugt ist. Leider trifft das Gegenteil zu: Mit emotionaler Unaufrichtigkeit verhindern wir zuverlässig, dass wir selbst und andere uns entwickeln können und wir gemeinsam immer mehr in unsere wahre Größe zurückfinden können.

Gott sei Dank ist dieser Prozess umkehrbar. Die Aufrichtigkeit ist Teil unseres Wesens und somit können wir sie uns auch wieder zugänglich machen und in der Welt zum Ausdruck bringen.

Wie können wir uns unsere Aufrichtigkeit zurück erobern?

Je nachdem, wie weit wir uns von unserem wahren Selbst entfernt haben, kann es schon eine größere Herausforderung sein, in die eigene Aufrichtigkeit zurück zu finden. Aber der Weg ist immer der gleiche und es geht nur Schritt für Schritt. Am Anfang steht die Bereitschaft, sich die eigene Unaufrichtigkeit einzugestehen. Wenn wir den Entschluss fassen, das eigene Leben hin zur Aufrichtigkeit zu verändern und ihm damit eine völlig neue Richtung zu geben, kommt der Entwicklungs-Prozess von selbst in Gang.

Um dann unser Leben erfolgreich von Unaufrichtigkeit zu befreien, müssen wir uns einfach einen Lebensbereich nach dem anderen vornehmen und gründlich aufräumen. Genauso wie wir unsere Wohnung putzen oder entrümpeln, so können wir auch in unserem Leben und in unserem Inneren aufräumen und alles loslassen, was nicht unserem wahren Wesen und unserer Sehnsucht nach Aufrichtigkeit und Echtheit entspricht. Menschen, die diesen Weg schon vor uns gemeistert haben, können uns, falls wir mal den Überblick verlieren, bei den Aufräumarbeiten unterstützen.

Mit der Zeit werden wir uns immer leichter und freier fühlen und immer mehr Zugang zu unserer wahren Kraft und Lebensfreude finden. In allen Lebenslagen aufrichtig zu sein wird für uns dann immer mehr zu einer Selbstverständlichkeit. Im wahrsten Sinne des Wortes richten wir uns wieder zu unserer wahren Größe auf.

Das Schöne daran ist, dass wir mit unserer Entwicklung nicht nur für unser eigenes Glück sorgen, wir inspirieren und bestärken dadurch auch andere, sich ihrer wahren Kraft und Größe wieder bewusst zu werden. Auf diese Weise kann der aufrichtige Umgang miteinander nach und nach wieder zu einer tragfähigen Grundlage für unser Zusammenleben werden.

Ulla Kruse
Artikel vom 06. März 2018

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